Kooperatives Lernen und Demokratie
(Cooperative Learning and Democracy)
Norm and Kathy Green
Follow up Landesakademie Comburg, 30.04.-01.05.07
Übersetzt von Carmen Druyen
Die Hauptaufgabe eines Erziehungssystems in jeder Demokratie besteht darin, dass SchülerInnen ihre Rollen als StaatsbürgerInnen wahrnehmen können.
Das Wissen und die demokratischen Gewohnheiten, die wir für unsere SchülerInnen heute bereit halten, werden darüber bestimmen, ob wir als Demokratie erfolgreich sein werden oder versagen, wenn diese SchülerInnen beginnen unsere Zukunft zu planen.
Es gibt keine bedeutendere Funktion, die wir als ErzieherInnen zu erfüllen haben, als die,
eine informierte, gebildete, demokratische Wählerschaft zu formen. Es liegt an uns, die Wählerschaft der nächsten Generation heranzubilden – eine Wählerschaft, die sich verpflichtet fühlt, den Respekt vor der empfindlichen Balance zwischen dem Willen der Mehrheit und den Rechten der Minderheit zu bewahren, den Bedürfnissen und Meinungen einer zunehmend unterschiedlichen Bevölkerung respektvoll zu begegnen und die Willens und in der Lage ist, die Verwaltung unserer Nation und, gemeinsam mit anderen Nationen, unseres Planeten zu übernehmen.
Es ist eine der größten Tragödien und Ironien unseres Erziehungssystems, dass wir weitgehend bei ausschließlich autokratischen Strukturen und Methoden gelandet sind, um die SchülerInnen auf die Teilhabe an Demokratie vorzubereiten!
Es ist eine Praxis, die zum Scheitern verurteilt ist: Das, was wir tun, sagt mehr aus, als das, was wir sagen. Wie können wir SchülerInnen darauf vorbereiten, unterschiedliche Meinungen wahrzunehmen, zu respektieren und zu bewerten, wenn wir auf Unterrichtsmethoden vertrauen, in denen die LehrerInnen am meisten reden? Wenn die SchülerInnen-Interaktion nur gelegentlich und als Ausnahme erfolgt, können wir nicht darauf hoffen, eine SchülerInnen-Generation zu erschaffen, die auf Demokratie vorbereitet ist. Wie können wir SchülerInnen vorbereiten, zu Entscheidungen zu gelangen, die auf den Bedürfnissen aller basieren, wenn wir Unterrichtsmethoden benutzen, bei denen die LehrerInnen alleine entscheiden, was und wie gelernt wird, wie bewertet wird und welche Regeln für das Verhalten in der Klasse gelten?
(Norm Green)
Was für eine verpasste Chance! Mit traditionellen Methoden verschenken wir die Gelegenheit, unsere Klassenzimmer zu aktiven Laboratorien zu machen, in denen demokratisches Handeln praktiziert werden kann.
Der traditionelle Ansatz ist nicht nur weltanschaulich, sondern auch praktisch absurd.
Nehmen wir ein Beispiel: Aktuelle Ereignisse. Wenn wir wollen, dass unsere SchülerInnen informierte WählerInnen werden, müssen wir sie oft über die Ereignisse des Tages berichten lassen. Zu diesem Zweck ist die Präsentation aktueller Ereignisse eine ehrenwerte und zeitwerte Tradition in demokratischen Schulen. Wir sind bestrebt SchülerInnen so oft lesen und berichten zu lassen und sie zum Nachdenken über die wichtigen Ereignisse des Tages zu bringen, dass es ihnen zur Gewohnheit wird. Nur wenn wir in unseren SchülerInnen keine festen Gewohnheiten über das Tagesgeschehen zu lesen und nachzudenken, ausbilden, können wir nicht erwarten, gebildete informierte WählerInnen von Morgen heranzubilden.
(Kathy Green)
Wenn wir die traditionellen Strukturen für die Vermittlung aktueller Ereignisse nutzen, steht jedeR SchülerIn abwechselnd ca. drei Minuten vor der Klasse, um zu präsentieren. Die SchülerInnen bekommen ca. eine Minute Feedback durch den/die LehrerIn und MitschülerInnen. Und dann ist da noch eine weitere Minute, in der der Vortragende sich an seinen Platz begibt, um einem anderen den Platz frei zu machen. Fünf Minuten pro SchülerIn mal 30 pro Klasse macht 150 Minuten – drei Unterrichtsstunden! Wenn es drei Stunden dauert, um aktuelle Ereignisse zu besprechen, können wir SchülerInnen nur gelegentlich über Aktuelles reden lassen. Lesen und darüber Nachdenken wird unseren SchülerInnen so nicht zur Gewohnheit. Wir haben darin versagt, eine informierte Wählerschaft heranzuziehen. Und wie haben die SchülerInnen ihre Zeit während der dreistündigen Präsentation verbracht? Drei Minuten mit Vortragen, eine Minute mit dem Erhalten von Feedback, 146 Minuten mit dem Warten darauf, dass sie wieder an der Reihe sind. Ich fordere einen begabten Verhaltenstechnologen heraus, sich eine bessere Methode einfallen zu lassen, SchülerInnen in Apathie und Desinteresse zu stürzen – Eigenschaften, die der Untergang einer jeden Demokratie sind.
Wenn wir statt dessen für eine der vielen kooperativen Übungen und Strukturen entscheiden, wird der Unterricht lebendig. SchülerInnen üben aktiv die Fertigkeiten von DemokratInnen aus. Sie nutzen ihre Fähigkeiten, um widersprüchliche Ideen gegeneinander abzuwägen – Fähigkeiten, die eine bessere Zukunft versprechen.
Überlegen Sie, was geschehen wird, wenn wir die traditionellen Strukturen durch ein „Drei-Schritte-Interview“ ersetzen. JedeR SchülerIn in der Klasse wird im Unterricht zu dem aktuellen Ereignis befragt, befragt einen anderen und tauscht mit seinem Team aus, was er gelernt hat. Der ganze Prozess dauert weniger als 10 Minuten. Innerhalb von 10 Minuten erreichen wir mehr als in 150 Minuten herkömmlichen Unterrichts.
Wenn wir die kooperative Alternative annehmen, wie verbringen die SchülerInnen dann ihre Zeit? Sie verteilen ihre Zeit auf Vortragen, sorgfältiges Zuhören und das Darstellen anderer Standpunkte. Sie werden verantwortlich für genaues und sorgfältiges Zuhören. Sie erwerben demokratische Werte und Fertigkeiten.
Wenn wir unsere Mission als ErzieherInnen in einer Demokratie erfüllen wollen, müssen wir uns bewegen, statt zu reden. Wir müssen unseren Unterricht umstrukturieren, so dass Demokratie eine lebendige, atmende Erfahrung wird – nicht nur Worte in einem Text. Die Alternative dazu, unsere Klassenzimmer zu aktiven Laboratorien zum Erwerb demokratischer Fähigkeiten, besteht darin an den gegenwärtigen autokratischen Praktiken fest zu halten – Praktiken, die unsere SchülerInnen nur schlecht darauf vorbereiten, eine demokratische Zukunft zu erschaffen.

Fotos von Peter Blomert auf flickr Mönchengladbach-Academy 2002
Hervorhebungen im Text und Fußnote: T.M.Hasse